Der Ritualmord - Spielfilm - 1919


Der Ritualmord gehört in der deutschen Kinogeschichte zu den frühen Werken, die sich mit dem Thema Antisemitismus auseinandersetzten. Im Gegensatz zur fünf Jahre später entstandenen Stadt ohne Juden, die auf BluRay wiederveröffentlicht wurde und sich in einer schlechten Kopie auf YouTube findet, ist der Film verschollen. Nach heutigem Kenntnisstand hat keine Kopie die Zeit überdauert.

Allerdings haben sich in Kino- und Fachzeitschriften zeitgenössische Inhaltsangaben erhalten, aus denen hervorgeht, dass das Werk von antisemitischem Hass erzählte, von seiner Instrumentalisierung, seiner Gewalt und den tödlichen Folgen für die Betroffenen.

Scan einer Kinozeitschrift zum Film

Werbung für Ritualmord in Der Film, Nr. 38/1919.  Ritualmord war nach Opium der zweite Monumentalfilm, an dem Sybil/Bertha an ihrem Karrierebeginn mitwirken durfte - noch dazu in einer Hauptrolle. Das Marketing warb mit 3000 Statisten, die an den Dreharbeiten beteiligt gewesen sein sollen, und dem aufwändigen Nachbau einer russischen Ortschaft.

Während in Stadt ohne Juden die jüdische Bevölkerung der Republik Utopia gewaltlos vertrieben wird und am Ende des Films in ihre Heimat zurückkehrt, inszeniert Ritualmord in drastischen Bildern einen Pogrom, dem Dutzende von Menschen zum Opfer fallen. Szenenfotos zeigen die Straßen einer russischen Provinzstadt mit Leichen übersät.


Im Zentrum der Handlung steht Chaim Abramowitsch (Leonard Haskel), der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, dessen Familie in ein antisemitisches Komplott aus Hass und Verleumdung gerät. Der Vorwurf des religiös motivierten Ritualmords an einem christlichen Kind bildet den dramatischen Kern der Handlung. Sie zeigt, wie aus einem Vorurteil ein Gerücht wird, aus dem Gerücht vermeintliche Gewissheit und aus der Gewissheit schließlich exzessive Gewalt, die auch Manja (Sybil/Bertha) trifft, Chaims Tochter.

Ritualmord stellt dem entfesselten Mob das Gewissen des Einzelnen entgegen. Die Figur des christlich-orthodoxen Studenten Sascha Mulnikow, der Manja liebt, zeigt einen moralischen Lernprozess – vom tradierten Vorurteil zur Erkenntnis, von der Passivität zum Widerstand.


Aus heutiger Perspektive betrachtet, wirkt Ritualmordwie eine düstere Vorahnung dessen, was die Juden Deutschlands und mit ihnen Sybil/Bertha, als eine von ihnen, nur zwei Jahrzehnte später erlitten. Die Schauspielerin, die an der filmischen Anklage gegen Judenhass beteiligt war, wurde selbst Opfer des antisemitischen Vernichtungswahns und in einem nationalsozialistischen Lager ermordet.

In den 20er Jahren versorgten Produktionsfirmen die Fachzeitschriften mit ausführlichen Filmbeschreibungen.  Sie dienten den Kinobesitzern als Entscheidungshilfe für die Programmgestaltung. Die Erste Internationale Filmzeitung brachte in Heft 44 des Jahrgangs 1919 zum Ritualmord eine ausführliche Inhaltsangabe der Nivo-Film, die das Werk produziert hatte. Ihr lässt sich der Handlungsverlauf und die intendierte Aussage des Films detailliert entnehmen. Um einen Meilenstein der deutschen Filmgeschichte der Öffentlichkeit zumindest wieder ein klein wenig zugänglich zu machen, habe ich die Inhaltsangabe digitalisiert und zur besseren Lesbarkeit Absätze eingefügt, auf die im Original aus Platzgründen verzichtet wurde. Szenenfotos aus alten Filmzeitschriften ergänzen die Schilderungen und vermitteln einen Eindruck von der Bildsprache des Werks.

Der Ritualmord - Filmbeschreibung


Die Tragödie eines Volkes: verfolgt und geknechtet durch Jahrtausende, rechtlos und friedlos — fremd dort, wo seine Heimat — wandernd auf allen Straßen der Welt — geächtet… — Die kleine russische Stadt soll Einquartierung erhalten: eine Kosakenschwadron sucht Obdach. Aber alle Wohnungen sind überfüllt, keine Kammer steht leer — so müssen die Juden ihre Häuser räumen.

Chaim Abramowitsch, der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, sitzt lehrend unter seinen Freunden, als die Soldaten ihn und die Seinen aus dem Heim vertreiben. Alt geworden unter der Gewalt, fügt er sich stumm: nur da man sich an seiner Tochter vergreifen will, da man sein Weib und seine Kinder mißhandelt, lehnt er sich mit empörten Worten auf. Er soll dafür in Haft genommen werden, zur Freude neugierig zusammengelaufenen Pöbels, dem jeder einem Juden zugefügte Schimpf Genugtuung ist, dem Unrecht zum Recht wird dem Juden gegenüber.

Einer nur tritt ein für die Mißhandelten: Sascha Mulnikow, ein junger Student. Die Mulnikows, eine christlich-orthodoxe Beamtenfamilie, sind Hausnachbarn der Abramowitschs und leben mit ihnen in gutem Einvernehmen, Sascha und Manja sind als Spielgefährten miteinander aufgewachsen. Den Studenten empört die sinnlose Brutalität des Unrechts, das man den Juden zufügt; energisch nimmt er sich ihrer an, rettet Chaim Abramowitsch vor der drohenden Verhaftung, bringt die Frauen und die Kinder bei seiner Mutter unter. Der Vorsteher der jüdischen Gemeinde selbst aber verschmäht ein Obdach, da seine Glaubensgenossen kein Dach über dem Haupte haben; die Sterne der Nacht leuchten über den aus ihren Heimstätten Vertriebenen, die im freien Felde frierend den Schlaf suchen. —


Sascha Mulnikow ist wie alle Russen groß geworden in der Lehre, daß man die Juden verachten und hassen müsse, daß ihre Verfolgung ein gutes Werk sei. Aber er hat niemals diese Lehre geglaubt, und er hat dem Problem des Judentums nachgegrübelt von der Stunde an, da in seinem Herzen eine tiefe Neigung für Manja Abramowitsch erwacht. Seit dem Tage, an dem er seine Liebe erkannt hat, forscht er dem Schicksal der geknechteten Juden in Rußland nach, wird ihr urewiges Leid sein Studium. Seine Freunde spotten, er achtet es nicht; Vera Vronskij, die ihn liebt und ihm kein Hehl macht aus ihren Gefühlen, stellt ihn wegen seiner Teilnahme für die Juden zur Rede — er weist sie zurück.

Kino der Weimarer Republik: Szenenfoto aus
Zeitgenössische Filmzeitschrift: Szenenfoto aus

Judenfeinde und Judenfreude: links Wolfgang Heinz als Dimitrij Vronskij, der den Pogrom schürt und sich Manja (Sybil/Bertha) zu Willen machen möchte; rechts Alfred Abel als Sascha Mulnikow, dessen Liebe zu dem jüdischen Mädchen sich unter Gefahr bewähren muss. Szenenbilder aus Der Filmkurier, Jg. 1919, Nr. 5.

Und Dimitrij Vronskij, der Bruder Veras, der Manja Abramowitsch gewaltsam zu seiner Geliebten machen will, erfährt zu gleicher Zeit die Kraft und den Stolz der Reinheit, die in der Seele des scheuen und zarten Mädchens lebt. In den Geschwistern Vronskij, die an der Berechtigung ihres blinden Judenhasses nie gezweifelt haben, fachen Eifersucht und Enttäuschung den Haß zur lodernden Flamme an, und als Sascha es nach dem Abrücken der Kosakenschwadron wagt, Manja mit auf ein öffentliches Fest zu nehmen, kennt ihr Wut keine Grenzen. Sie hetzen und wühlen unter den, geschmäht und beschimpft müssen Sascha und Manja das Fest fluchtartig verlassen. Manja aber denkt nicht an den Schimpf, den man ihr angetan hat — nur daran denkt sie, daß der Geliebte nicht mit ihr leiden soll unter dem Fluch, der auf ihrem Volke lastet:„Wenn sie mich schlagen, treffen sie Dich mit!“ Und lieber hält sie sich von Sascha fern, als daß sie ihn um ihrer Qualen leiden läßt. — 

Zeitgenössische Kinozeitschrift: Szenenfoto aus

Manja (Sybil/Bertha, links) und Sascha (Alfred Abel, Bildmitte). Sascha wird von Vera Vronskij (Rita Clermont) zur Rede gestellt, weil er die Jüdin zu dem Fest mitgebracht hat. Szenenbild aus Der Filmkurier, Jg. 1919, Nr. 5.

Während in der Familie Abramowitsch die Vorbereitungen für das Passahfest getroffen werden, vergräbt Sascha sich in das Studium von Schriften über das Judentum: die Wahrheit dessen sucht er zu ergründen, was dem Volk der Unterdrückten kurzsichtig und gedankenlos an häßlichen Dingen nachgesagt wird. Dabei findet er ein Buch über die Entstehung des Ritualmord-Aberglaubens, der aus Rassenhaß und Verfolgungswut geboren ist: er liest die Urkunde über den ersten groß angelegten Ritualmord... im Jahre 332 v. Chr.: Alexander der Große, der Aegypten von dem persischen Joch befreit hat, residiert in Macht und Herrlichkeit in der von ihm erbauten Stadt Alexandria. Märchenhaft prunkvolle Feste in den riesigen Sälen seines Palastes belohnen seine Siege. Für ihn und seinen jungen Freund Peistratos muß Helena tanzen, die schönste Griechin am Hofe. Auf einem dieser Feste aber hat Alexander Peistratos zum letzten Male gesehen, auf völlig rätselhafte Art ist der junge Feldherr verschwunden. Vergeblich läßt Alexander überall nach ihm forschen, vergeblich setzt er die höchsten Belohnungen aus für den, der ihm Nachricht von dem Vermißten bringt. Da — nach Tagen — läßt sich Manetho bei ihm melden, der Oberpriester des ägyptischen Gottes Osiris. Eine furchtbare Kunde bringt er ihm: „Die Juden haben Peistratos ihrem Gott geopfert!“ Alexander glaubt ihm nicht, will ihm nicht glauben; er schätzt die Juden noch, begünstigt sie gegen die Aegypter, die ihre Unterdrücker waren, und er bezichtigt Manetho der Lüge. Der Priester aber führt ihn zu nächtlicher Stunde in den Tempel der Juden, zeigt ihm dort im Allerheiligsten eine dunkle Opferstätte, ein blutiges Schlachtmesser und das blutbefleckte Gewand des Peistratos.

Illustrierter Filmkurier, Kinozeitschrift zur Zeit der Weimarer Republik. Ausschnitt aus
Illustrierter Film-Kurier, Jahrgang 1919, Nr. 5: Der Ritualmord

Links: Sascha (Alfred Abel) beim Studium des Judentums. Rechts: Die Instrumentalisierung der Ritualmord-Legende in der Antike erzählt der Film auf einer zweiten Zeitebene, die während der Herrschaft Alexanders des Großen spielt. Die aufwändigen Kulissen und Kostüme versetzten Publikum und Kritik in Staunen und Bewunderung. Die Neue Berlin 12 Uhr-Zeitung schrieb: „In berückender Pracht erstehen die Bilder aus der Antike. Die Bilder sind von außerordentlicher Schönheit“. Szenenfotos aus Illustrierter Film-Kurier, Nr. 5, Jahrgang 1919.

Soweit hat Sascha den düstersten Beweis gelesen, als die Mutter in sein Zimmer tritt: sie ist in schwerer Sorge — Sonja, Saschas jüngstes Schwesterchen, ist nicht aufzufinden. Vergeblich forscht Sascha überall in der Stadt nach der Verschwundenen; vergeblich suchen mit ihm seine Freunde, auch Vera und Dimitrij Vronskij, mit denen er sich in der Sorge um das Kind wieder verständigt hat. Und schon hebt ein Raunen an in der Stadt, schleicht sich durch alle Gassen, dringt in alle Häuser: „Die Juden!“ „Es ist Passah!“ — Das Gespenst des Ritualmord-Wahns wacht auf…


Die Kinder Chaim Abramowitsch’s hatten an diesem Unglückstage einen Ausflug nach dem benachbarten Dorfe gemacht, zu Petruk Czapka, dem Polenwirt. Auch dort fragen Sascha, Vera und Dimitrij nach der Kleinen, und Maruschka, das Weib des Polenwirtes, berichtet ihnen, wie sie Sonja zuletzt gesehen habe — von Chaim Abramowitsch festgehalten. Kalt greift es Sascha ans Herz; auch an ihn schleicht sich das Gerücht heran, daß alle Gemüter verwirrt: Ritualmord… Er wehrt sich, wehrt sich verzweifelt aus seiner besseren Ueberzeugung heraus, um seine Liebe zu Manja willen. Aber Vera und Dimitrij bohren und hetzen, aufgepeitscht von leidenschaftlicher Angst, stellt Sascha Abramowitsch zur Rede — und findet bei ihm Sonjas Mützchen. Vergeblich beteuert Abramowitsch seine Unschuld: Sascha klagt ihn des Mordes an, und Vera und Dimitrij Vronskij verkünden es überall im Volke, was geschehen ist. Mordgeschrei gellt durch die Gassen; ehe noch die Polizisten erschienen sind, die Chaim Abramowitsch verhaften sollen, hat der fanatisierte Volkshaufen das Haus des jüdischen Gemeindevorstehers gestürmt, die Menge will die Angehörigen auf die Straße schleppen, um die Verhafteten zu lynchen.

Stummfilme in Deutschland:

Der Mob vor dem Haus des jüdischen Gemeindevorstehers. Chaim  (Leonard Haskel) steht rechts im Türrahmen, neben ihm seine Tochter Manja (Sybil/Bertha), die sich angstvoll an ihn schmiegt. Im Bildhintergrund hat die Polizei Position bezogen. Szenenbild aus Der Filmkurier, Jg. 1919, Nr. 5.

Im letzten Augenblick rettet das Eintreffen der Polizei die Todbedrohten: Chaim Abramowitsch wird in das Gefängnis abgeführt, während die Seinen sich vor der Wut des Volkes im Keller eines Trödelladens verbergen müssen. Die Volkswut aber ist nicht mehr einzudämmen, sie fordert ihre Opfer.


Wird fortgesetzt!

Der Ritualmord - Kritiken


B. Z. am Mittag


Endlich einmal ein Aufklärungsfilm, der künstlerische und moralische Berechtigung hat. „Der Ritualmord“ („Die Geächteten“), der in einer Pressevorführung in der "Schauburg" nachhallende Wirkung fand, gibt einen schreckensvollen Widerschein der düsteren tragisch sinnlos-grausamen Judenverfolgungen aus dem Rußland der Gegenwart. Haß und Verhetzung verspritzen das Blut geknechteter und verfolgter Judenseelen. Das dunkle Weh, das (nach Heine) vererbt vom Vater auf den Sohn, nimmt hier erschütternde Gestalt an. Keine sensationsgierige Kinophantasie entsprungenen Handlung, sondern Geschehnisse, wie sie täglich aus den Zeitungsspalten entgegentreten, künstlerisch gebändigt durch die nachschaffende Regie Josef Delmonts: Verjagung von Haus und Hof, brutales Zerreißen enger Familienbande, Brand und Totschlag, Ritualmordlüge und Aberglaube. Mild verklärt durch einen versöhnenden Schluß.

Die Darsteller: Leonhard Haskel als Vrosteher der jüdischen Gemeinde, läßt uraltes Judenleid lebendig werden, eine Gestalt voll gläubigen Gottvertrauens und zärtlichen Familiensinnes. Seine Tochter Manja ist Sybil Morel, auch in ihr lebt eine Seele, die Gegenpartei hat in Alfred Abel einen starken Vertreter.



Morgenpost

In einer Pressevorführung in der Schauburg sah man einen Film, der die Leiden des verfolgten Judenvolks in Rußland ergreifend miterleben läßt. So ist „Der Ritualmord“ („Die Geächteten“), dessen Handlung Rita Barré der grausigen Wirklichkeit nachzeichnet hat, ein Aufklärungsfilm im edelsten Sinne des Wortes. Leonhard Haskel und Sybil Morel sind in den führenden Rollen von einer sachlichen Schlichtheit und Innigkeit des Spiels, die sich auch der Mehrzahl der übrigen Darsteller mitteilt. Die Gegenpartei ist durch Alfred Abel würdig vertreten.



Berliner Allgemeine Zeitung
In der Schauburg wurde ein Film „Der Ritualmord“ („Die Geächteten“) gezeigt, der die blutige Tragödie grausamer Judenverfolgungen in einer Reihe eindrucksvoller Bilder aufrollt und auf diese Weise wirksam den Kampf gegen die Ritualmordlüge aufnimmt. Ein Aufklärungsfilm im edelsten Sinne des Wortes! - Josef Delmonts Regie, die in glänzend gestalteten Szenen das Leid der Geächteten erschütternd miterleben läßt, ist besonders sorgfältig in der Herausarbeitung der Grundidee. Leonhard Haskel hat in dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde eine Gestalt voll innigsten Gottvertrauens und zärtlichen Familiensinnes geschaffen. Auch die übrigen Darsteller, voran Sybill Morel und Alfred Abel, fügen sich unauffällig dem Rahmen des ergreifenden Gemäldes ein.



Nationalzeitung
Wer am Sonntag der Pressevorführung dieses Films in der „Schauburg“ beiwohnte, wird niemandem, der dem Film den Anspruch auf die Bezeichnung „Kulturfaktor“ streitig machen will, zustimmen können. Das auch vom rein künstlerischen Standpunkt meisterhafte Werk ist aus einem Gedanken heraus entstanden, wie er in fruchtbarer Wahn, der seit Jahrhunderten namenloses Elend über die Menschen gebracht hat, gegen den Wahn vom Ritualmord der Juden anzukämpfen. Diesem Gedanken Max Nivellis verdankt das gewaltige Werk seine Entstehung.



8 Uhr-Abendblatt
Ein Aufklärungsfilm edelster Art, der in das geistige Dunkel, in den Aberglauben und Wahn, das Licht der Wahrheit tragen will. Diese große und erhabene Aufgabe scheint restlos gelöst; denn keinen Augenblick empfindet man, daß hier ein Tendenzfilm zu irgendwelchen lehrhaften Zwecken geschaffen wurde.  In atemloser Spannung lässt man die 7 Akte des monumentalen Werkes an sich vorüberziehen, ergriffen, gebannt und erschüttert. Die Regie Josef Delmonts ist hervorragend in der Beherrschung der Massen, liebevoll aber auch in den kleinsten Szenen. Wohltuend berührt es, daß kein "Star-Film" aus dem zu edelsten Zwecken geschaffene Werke geworden ist. Keine Großaufnahme stört. Bescheiden treten die Künstler [auf] - es sind solche ersten Ranges: Abel, Diegelmann, Haskel, Sybill Morel, Rita Clermont, Rosa Valetti und andere - hinter das Werk als solches zurück, und das nicht lässt eine tief ergreifende Wirkung entstehen. Furchtbar in ihrer Realistik sind die Pogromszenen aus der polnischen Kleinstadt, in wundervoller Kontrast dazu stehen die zarten Bilder aus der Hellenzeit. In der Geschichte der menschlichen Aufklärung wird diesem Film eine schöne und große Rolle zu spielen bestimmt sein.



Berliner Börsenzeitung
Ein Kulturfilm allerersten Ranges, ein monumentales Werk von einer seltenen Gediegenheit, Szene für Szene ein Meisterwerk, besonders die Massenszenen sind großartig gelungen, vom Einzug der Kosaken über die Alexandersbrücke bis zu dem Pogrombild in der Steinigung des alten Abrahamowitsch. Die an Hofe Alexanders des Großen spielenden Szenen sind ein Kunstwerk für sich. Welch eine Sammlung schöner Menschen! – Das Werk hat, wie schon der Untertitel sagt, den Aberglauben des Ritualmordes zum Gegenstand und darüber hinaus die Judenfrage überhaupt. In ergreifender Weise ist hier das Schicksal der Geächteten, der Juden, vor Augen geführt, die ausgestoßen sind von der Gemeinschaft mit dem übrigen Volke. Man stößt sie von sich, zwingt sie sich abzuschließen und hat sie dann über ihre Eigenbrötelei. „Die jüdische Religion ist gar keine Religion, sondern ein Unglück“, sagt Heinrich Heine, und der muß es wissen.