Die Großeltern Rosenstein
Über den Stammbaum mütterlicherseits bin ich weniger gut unterrichtet. Wieso, weiß ich selbst nicht. Mein Großvater mütterlicherseits hat uns stets so viel aus seiner Jugendzeit berichtet, merkwürdigerweise hat er uns aber nie Mitteilungen aus seinem Elternhause gemacht. Hätte ich geahnt, daß Kinder und Enkel sich dafür interessieren und daß ich in meinen alten Tagen diese Chronik schreiben würde, so hätte ich rechtzeitig für das nötige Material gesorgt.
Ich habe als Kind von meinem Großvater nur gehört, daß der Ur-Urahn in Beverungen an der Weser lebte, er hieß Ruben-Beverungen. Das Haus habe ich in Beverungen einmal aufgesucht. Zur Zeit wohnte dort ein Vetter meines Großvaters, Oscher (oder Auscher) Rosenstein mit Frau, liebe alte Leute.
Der Urahn, der sich den Namen Rosenstein erwählt hatte, wohnte bereits in Kassel. Er hatte drei Söhne: Simon, Isaac und Michael, sowie eine Tochter Sarah. Diese war an einen Religions- und Elementarlehrer Lesson verheiratet, Isaac in erster Ehe mit Helene Wetzlar, in zweiter Ehe mit Lina Wallach; Simon mit Nanny Wetzlar, einer Schwester der Helene Wetzlar.
Mein Großvater Michael Rudolf Rosenstein, geboren am 22. November 1803, war ein einfacher, schlichter, aber lieber und seelenguter Mann, den wir Kinder alle außerordentlich verehrten. Er besaß keine sehr große Bildung, sprach kein reines Deutsch und schrieb auch nicht orthographisch, hatte aber trotzdem den Drang, sich einen gewissen Schliff anzueignen. So las er im vorgerückten Alter besonders gern gute Bücher.
Er besaß einen goldenen Humor, sprach mit den Kindern und Mädchen, die in sein Geschäft kamen, mit Vorliebe gern in Knittelreimen. Großvater war sehr beliebt, er hatte nur Freunde, sicher keine Feinde. Nahm er eine Prise, so sagte er:
Er besaß einen goldenen Humor, sprach mit den Kindern und Mädchen, die in sein Geschäft kamen, mit Vorliebe gern in Knittelreimen. Großvater war sehr beliebt, er hatte nur Freunde, sicher keine Feinde. Nahm er eine Prise, so sagte er:
„Willst du eine Prise schnupfen,
Mußt du vorher dreimal auf der Dose tupfen."
Kam ein Dienstmädchen in den Laden, so sagte er:
„Mädchen bind’ die Locken vor,
Dein Geliebter steht vor’s Tor."
oder abwechselnd:
„Liebes Kindlein, willst du wissen,
Ob dein Herzlein ist zerrissen."
Je nach Qualität der Käuferinnen änderte er auch den letzten Vers ab:
„Ob dein Hemdlein ist besch..."
Sehr oft sagten die Käufer oder Käuferinnen zu ihm: „Ach, Herr Rosenstein, machen Sie doch einige Späße.“
Großvater hatte das Buchbinderhandwerk in seiner Jugend erlernt und war als Handwerksbursch in die Fremde gegangen. Er ist zu Fuß bis nach Tirol gewandert und hat auf diese Weise Land und Leute kennengelernt. Wie oft hat er uns Kindern in interessanter Weise von seinen Wanderjahren erzählt. Er fand bei uns ein aufmerksames Auditorium. Besonders zwei Episoden sind mir noch im Gedächtnis: In Mariazell (Tirol) hat er seine Religion verleugnet und sich als Katholik ausgegeben, damit er die Prozessionen mitmachen konnte. Er sang uns dann das Liedchen vor, das hierbei gesungen wurde:
„Mariazell, du schöner Quell,
Erquickest meine Seel, erquickest meine Seel!"
Die Melodie ist mir noch bekannt. Die zweite Geschichte spielt ebenfalls in Mariazell. Dort war neben der Speisekammer seiner Prinzipalin die Buchbinderwerkstatt, und der Weg dahin führte durch die wohlgefüllte Speisekammer. An der Wand hing eine in Holz geschnitzte Christusfigur, und vor dieser stand der Rahmtopf der Frau Meisterin. Die Gesellen gingen nie in die Arbeitsstube, ohne mit dem Finger in den Rahmtopf zu fassen und daran zu schlecken. Die Frau merkte sehr bald, daß der Rahm stark abnahm; sie machte ihren Gesellen deshalb Vorhaltungen, aber alle Mahnungen halfen nichts, die Versuchung war zu groß.
Um nun den Verdacht von sich abzulenken, schmierten die jungen Buchbinder der Jesusfigur Rahm um den Mund, um auf diese die Schuld abzuwälzen. Bald darauf hörten sie in der Werkstatt, wie die Meisterin zu der Figur in ihrer tiroler Mundart sagte:
„Smandmänneken, Smandmänneken,
Wenn du der liebe Gott nit wärest,
Sollt’ dich der Düwel langen."
Als Großvater nach langen Wanderjahren in die Heimat zurückgekehrt war, gründete er in dem Hause Entengasse 24 eine Buchbinderei mit Papiergeschäft. In späteren Jahren wurde der Betrieb erweitert und auch auf Spielwaren ausgedehnt. Großvater verheiratete sich am 25. Juli 1828 mit Rebekka Katzenstein. Meine Großmutter war eine fleißige und tüchtige Geschäftsfrau, die ihrem Gatten treu zur Seite stand, sie war aber ohne jede Bildung. Sie litt an epileptischen Krämpfen und starb, 61 Jahre alt, am 6. Dezember 1867.
Dieser Ehe entstammen vier Kinder: Julie, verheiratet mit Clemens Oette; meine Mutter Fanny, verheiratet mit Adolph Gotthelft; Eduard, verheiratet mit Thekla Feldstein, und Regina, verheiratet mit Adolph Baar in Stadthagen. Während in dem Hause meiner Großeltern Gotthelft die echte jüdische Religiosität gepflegt wurde, machte sich im Hause Rosenstein die ganz moderne Richtung breit. Schon von dem Urahn erzählte man, daß er Hasen mit Schinken gegessen und dabei gesagt hätte: „Diese Freude hat kein Christ und kein Jude“, der erstere hätte keine Hasen, der andere dürfe keinen Schinken essen. Von diesem Urgroßvater wußte man auch, daß er seinen Kindern, wenn sie sich erkundigten, ob er gut geschlafen habe, geantwortet haben soll: „Zehnmol bin ich aufgewacht und kein einzig Mol wieder eingeschlafen."
Meine Großeltern wohnten in dem Geschäftshaus in der Entengasse. Sie hatten während der ganzen Ehe nur ein Mädchen, Marthchen mit Namen, das als Amme für Julie ins Haus kam. Marthchen führte das Regiment, sie kochte und erledigte die Hausarbeit, sie war Krankenpflegerin bei der Großmutter, wenn diese ihre Anfälle bekam, sie teilte mittags das Essen aus, ja sie schlief sogar mit den Großeltern (höret und staunet) in einem Schlafzimmer, damit sie der Großmutter in einem Anfall beistehen konnte.
Wenn mein Großvater am Sonntag bei Tisch noch etwas Fleisch haben wollte und Marthchen darum bat, bekam er die Antwort:
„Sie bekommen nichts mehr, Sie haben ein großes Stück gehabt, morgen ist auch noch ein Tag." Meine Großmutter ging nie ohne Marthchen ins Theater, und wenn die Familie am Sonntag nachmittag spazieren ging, war Marthchen selbstredend dabei. Sie blieb aber nicht bis zu Großvaters Tod bei ihm, sondern übernahm, nach dem Ableben meiner Tante Julchen Oette, die Führung deren Haushalts, und zwar so lange, bis mein Onkel Oette wieder verheiratete. Ihren Lebensabend verbrachte sie bei einer Verwandten. Selten wird in einem Haushalt jemals wieder ein solches Original aufzuweisen sein, treu und zuverlässig auf der einen, aber bitterbös auf der anderen Seite. Aber merkwürdigerweise findet man auch heute, in der dritten Rosensteinschen Generation, genau wieder so treue dienstbare Geister: der Buchhalter Ritter ist jetzt über 60 Jahre, der Hausbursch über 30 Jahre in diesem Hause.
Eine große Freude hatten wir fünfzehn in Kassel wohnenden Enkel immer am 22. November, dem Geburtstage des Großvaters; an diesem Tage wurden wir mittags mit Schokolade und Kuchen bewirtet, und der Großvater saß dann an der Tafel mitten zwischen seiner zahlreichen Enkelschar. Er erreichte ein Alter von 74 Jahren und hatte die Großmutter um zehn Jahre überlebt. Noch bis zu seinem Ende behielt er seinen guten Humor, und als er von Wassersucht und Gelbsucht heimgesucht, sich kurz vor seinem Tode im Spiegel besah, sagte er:
„Michelichen, mit dir steht es schlecht, du siehst aus wie ein Kanarienvögelchen."
Sein Tod ging uns allen, groß wie klein, sehr nahe. Wir liebten diesen Großvater, der es, wie selten einer, verstand, sich die Herzen von Enkeln zu erobern, ganz besonders innig. Und wenn wir Vettern und Basen heute, nach 40 Jahren, zusammenkommen, bildet das großelterliche Haus in der Entengasse ein beliebtes Gesprächsthema.
