Arbeiten in der Filmindustrie


Komparsen und Statisten

Ein wiederkehrender Handungsort in Sybil Morels/Bertha Gotthelfts Roman Liebe im Tonfilmatelier ist die Filmbörse. Dort versucht Lotte Werder nach dem Scheitern ihres ersten Filmprojekts verzweifelt, neue Verdienstmöglichkeiten zu finden - und sei es auch nur als Komparsin oder Statistin in tageweiser Beschäftigung.

Die Filmbörse war ein wichtiger Stellenmarkt für Komparsen und Kleindarsteller. Diese Funktion ist durch zeitgenössische Presseberichte, Erinnerungsquellen sowie einzelne filmhistorische Studien gut belegt. Ich nehme an, dass Sybil/Bertha dort nach Jobs suchte, als ihr keine Hauptrollen, sondern nur noch vereinzelt  Nebenrollen angeboten wurden.


Die Filmbörse lag, wie von Sybil/Bertha im Roman  beschrieben, in der Berliner Innenstadt in unmittelbarer Nähe zur Friedrichstraße, die Teil des damaligen Film- und Vergnügungsviertels war. Hier etablierte sich eine institutionell nur lose organisierte, faktisch jedoch hochgradig funktionale Vermittlungsstruktur, in der sich täglich eine große Zahl arbeitssuchender Komparsen und Statisten einfand. Diese warteten dort auf kurzfristige Engagements, die häufig erst wenige Stunden vor Drehbeginn vergeben wurden.


Zeitgenössische Berichte schildern die Filmbörse als einen überfüllten Saal, in dem sich Komparsen, Statisten, Filmanfängerinnen und -anfänger sowie Gelegenheitsdarsteller versammelten. Die Filmbörse fungierte  als Arbeitsamt, Castingstelle und sozialem Treffpunkt. Die Auswahl erfolgte durch Hilfsregisseure oder Aufnahmeleiter, die im Auftrag der Produktionsfirmen suchten. Entscheidende Kriterien waren dabei weniger schauspielerische Qualifikation als vielmehr äußerliche Merkmale, Alter, soziale Erscheinung oder spezifische körperliche Eigenschaften, die für Massenszenen oder milieuspezifische Darstellungen benötigt wurden.


Organisatorisch wurde dieser Prozess teilweise durch eine Art Kartei unterstützt, in der die Anwesenden nach Kategorien wie Alter, Verwendbarkeit oder besonderen Merkmalen erfasst waren. Die Bedeutung der Filmbörse lag insbesondere in der Bereitstellung großer Mengen kurzfristig verfügbarer Arbeitskräfte für die expandierende Filmproduktion der Stummfilmzeit. Gerade bei aufwendig inszenierten Massenszenen – etwa in Historienfilmen oder zeitgenössischen Großstadtmilieus – war der Zugriff auf ein solches Reservoir unerlässlich.


Gleichzeitig steht die
Filmbörse für die prekären Arbeitsverhältnisse innerhalb der frühen Filmindustrie. Viele der dort Wartenden waren dauerhaft oder wiederholt ohne Beschäftigung und auf sporadische Tagesengagements angewiesen. Die Filmbörse wurde in zeitgenössischen Darstellungen daher nicht selten als Ort sozialer Unsicherheit und Konkurrenz beschrieben, an dem sich Hoffnungen auf kurzfristigen Erwerb mit struktureller Perspektivlosigkeit verbanden.


Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die
Filmbörse in ihrer Funktion als Stellenmarkt ein zentrales Element der Produktionspraxis des frühen Films darstellte. Sie ermöglichte eine flexible, bedarfsorientierte Rekrutierung von Arbeitskräften und spiegelt zugleich die wenig regulierten, oft prekären Bedingungen wider, unter denen ein erheblicher Teil der Filmschaffenden jener Zeit tätig waren.


Bertha verarbeitet in ihrem Roman die Situation in der Filmbörse. Das tut auch Grete Garzarolli in ihrem Roman Filmkomparsin Weidmann, aus dem ich bereits in Zusammenhang mit dem Thema #Me Too zitiert habe. Im Unterschied zu Sybil/Bertha gibt Garzarolli ihrem Text eine sehr viel sozialkritischere Dimension, entsprechend dem Hauptthema ihres Romans, den oft harten, manchmal sogar unmenschlichen Bedingungen, unter denen Komparsen zu arbeiten haben. Ein besonders drastisches Beispiel sind die Aufnahmen zu einer Szene für einen Gesangsfilm mit dem Startenor Jan Kiepura. An den Schilderungen ist zu ersehen, dass die Autorin mit den Bedingungen im Detail vertraut war, die den Komparsen beim Drehi zugemutet wurden.


Bei dem Film, dessen Titel im Roman nicht genannt wird, handelt es sich um Ein Lied für Dich, die letzte Regiearbeit des legendären Joe May auf deutschem Boden. Die Dreharbeiten fanden von Dezember 1932 bis Februar 1933 statt, die Uraufführung am 15. April 1933. Kurze Zeit später emigrierte der jüdische Regisseur nach London.


Im Folgenden zitiere ich die Passage, die die Auswahl von Statisten an der Filmbörse und die Dreharbeiten am darauffolgenden Tage aus der Perspektive von Maria Weidmann erzählt. Maria ist wieder einmal in der Filmbörse auf Jobsuche und hört, dass Kräfte einen Film gesucht werden. Um noch in die Auswahl zu gelangen, unterbricht sie ein Gespräch und stürmt aus dem Zimmer.

Filmkomparsin Maria Weidmann

Roman von Grete Garzarolli,
i. e. Grete Scheuer (1900-1988),
Berlin (Rowohlt) 1933, S. 191ff.

Ich lief die Treppe hinauf, zwei und zwei Stufen mit einem Sprung nehmend, die Sehnen spannten sich, ich platzte mitten in eine angestrengte Stille, hörte im Vorbeigehen, wie Salanda zu einem Mädchen im ersten Zimmer sagte:


„Engagiert Herr Schröter oder ich? Wenn ich dich brauche, werde ich dich nehmen.“


Die Luft war schlechter denn je, dick lagen und quälten sich Gerüche ab, einer den andern übertönend, Parfums-, Zigaretten-, Menschendünste, nassen Leders, feuchter Kleider mengten sich in die trockene Wärme der Zentralheizung. Mein Tisch war überbesetzt, viele fremde Gesichter sah ich, und fand keinen Stuhl, auf den ich mich hätte niederlassen können.


Svata begrüßte mich kopfnickend, rückte zur Seite und machte mir auf dem eigenen Stuhl Platz. Das Raunen der Stimmen klang gespannt und angstvoll – wen wird er nehmen? Das Starren nach der Tür, das Ziehen und Zupfen an den Kleidern, das Hervorholen der Spiegel, die ihre Reflexe über lichtbewegte Köpfe funkend fleckten, das Verziehen der Mienen zum passendsten Ausdruck, das Auflockern der Haare, Glattstreichen, alle diese unbedeutenden Gesten, die man sonst nicht bemerkt, dieses schnellere Atmen der Lungen, Klopfen der Herzen berührten die überstickte Luft, daß sie um die übersensibilisierten Nerven kräuselte, wie das von leichten schnellen Brisen angeschürfte Wasser eines Teiches. Ein Kinderspiel fiel mir ein. Karpfen in meinem Teich, Krampfen im Gemeindeteich. Ich nahm den Spiegel aus der Handtasche, stäubte Puder über Nase und Wangen, zog, schief auf dem Stuhl sitzend, die Lippen nach – wir sind die Karpfen im Gemeindeteich –, fuhr mit dem Kamm durch die Haare, die zu lang schon über die Schultern hingen, und blieb dann still und aufmerksam neben Svata, die wieder ihr leidendes Mädchengesicht aufsetzte.


Sie hustete, als Salanda an unseren Tisch kam, über meinen Hals hin in die Haare, bedeckte schnell den Mund mit ihrem Taschentuch und nahm, immer noch hustend, die Wasserarbeit für morgen an, weil sie Geld brauchte.


Bis auf zwei oder drei alte Damen engagierte der Aufnahmeleiter an diesem Abend alle aus unserem Zimmer.

Der Waggon, in dem ich Platz genommen, war am nächsten Morgen überfüllt von Komparsen, die ihre Atelierköfferchen mit den Badesachen auf den Knien hielten, und lachend, schwatzend leise über Unausgeschlafenheiten klagten, aber glücklich dem Arbeitstag entgegenfuhren.


Der Waggon stieß mit federndem Fahrschaukeln über den rollenden Rädern unsere Köpfe aneinander. Von draußen sah man kaum etwas, der Nebel war dicht und weißgrau, schob schichten übereinander, dicker sich mit Rauch mischend, Rauch von Fabrikschloten, der vom Luftdruck herabgewälzt in die Fugen der gleitenden Zugwände drängte und sich mit dem unserer Zigaretten mengte, die stumpf zwischen den Fingern glühten.


Ich blickte zum Fenster, das mit gefrorenem Dunst beschlagen war, die zackigen Frostgitter und zarten, herben Blüten und Sternformen auf den Scheiben hoben sich vor dem Nebelgrauen draußen kaum ab. Oder schneite es? Man konnte das nicht erkennen.


Ein Kollege auf der Gegenüberbank fragte nach kurzem Gespräch, ob er mich einem Doktor von Traskernville vorstellen dürfe, der mittags mit den Presseleuten nach Neubabelsberg käme. Auf die Frage, was dieser Doktor denn von mir wolle, erklärte er, daß jener eine junge, gut aussehende Filmdarstellerin suche, die etwas für die Zeitung, oder so ähnliches, schreiben könne. Das Nähere wisse er selbst nicht. Ich sagte nach kurzem Zögern zu und meinte, wenn das eine dunkle Geschichte wird, könne man immer noch einen eventuellen Beschäftigungsantrag ablehnen.


„Wieso machen Sie ausgerechnet mir diesen Vorschlag?“ „Ach, Sie sind noch nicht so lange drin im Betrieb und werden das Wesentliche vielleicht besser herausfinden, als eine von den Älteren. Übrigens sind wir da, Weidmann. Ich darf Sie also bekanntmachen? Sie können verdienen dabei.“


Ich nickte schweigend, stand auf und drängte, halb gewollt, halb geschoben, zum Ausgang, hatte im Gewühl das Gespräch bald vergessen, puffte und stieß, gepufft und gestoßen, nur von dem einen Wunsch beseelt, vor der Pforte nicht zu lange Schlange stehen zu müssen, denn es war kalt.


Der Nebel hatte sich verzogen, es schneite Eiskristalle wie gestern, die auf der Haut brannten, der kleine Wald, den wir durchliefen, war in ein sonderbares morgendliches Graubraun getaucht, halb Nacht noch und schon Tag, die glasharten Zacken der nackten Astspitzen schlugen gegen die Stirn, an den Hals, der schmale Weg wurde zu beiden Seiten von Menschen überflutet, die sich, unter dem Gezweig hinschlängelnd, durchstießen. Einer schob den anderen nach rückwärts und wer die längsten Beine hatte, war zuerst am Ziel.


Trotzdem ich mich beeilt hatte, wartete ich fast eine Stunde, bis ich den Gagenzettel mit ungeschickten, kältestarren Fingern unterschrieb.


Das Atelier war überheizt. Von oben, unten, von allen Seiten strahlten Öfen und Lampen tropische Hitze aus, die helle Wellenbadddekoration leuchtete blendend weiß über dem grünen Wasser, sich schimmernd widerspiegelnd in der samtwelligen Oberfläche. Im Bassin standen Stuhlreihen, lange Leinen zogen sich von einer Seite zur anderen, aus einer unterirdischen Leitung sprudelte es, helle Wasserflaschen aufperlten, die aufstieben und unter dem Spiegel Ringe kreisend zerstoben.


Frauen und Männer mit nackten Beinen, Armen und Schultern, in knappen Trikots füllten springend und lachend den hohen Raum, überströmt von der strahlenden Helligkeit, die aus den widerblendenden Scheinwerferscheiben herabrieselte. Vorne liefen drei Mädchen im Weiß, in den Logen saßen welche in Gesellschaftsstellung, stullenessend und plaudernd, vier Aufnahmeapparate standen schußbereit, Arbeiter turnten, die Dekoration betonend, kletternd über sie hin, neben dem Sprungbrett saß der Regisseur, der Aufnahmeleiter und seine fünf Gehilfen ordneten und organisierten schweißtriefend, hämmern und klopfen, der verborgene Quell sprudelte, sanft und melodisch den anschwellenden Lärm durchdringend und untermalend.


Salanda setzte das Megaphon, das ihm ein kleiner untersetzter Mensch gereicht, an die Lippen.
Alle, die achtehn Mark bekommen, ins Wasser! Los! Schnell, schnell!“


Aufspritzten die Wellen unter den steilen Bögen geschleuderter Rufe, fielen schäumend, schwingziehend und abstreifend an den aus dem Wasser ragenden Oberkörpern herab, kalte stechende Kälte, die schäumende Haut umspülte sie kräuselnd den Bauch, der sich schreckzuckend zusammenbog. Im, von der grünkalten Flut gebrochenen Licht breit verschwimmende Beine und Hüften bewegten sich vorwärts, widerstrebend gegen das ungewohnte Element, schoben drängend tiefer und tiefer, bis der gewellte Spiegel glitzernd in Herzhöhe lag. Die herabgesprühten Tropfen rannen, in sich gespiegelte Lichtquellen funkelnd zurückwerfend, über nackte Schultern und Rücken, schnell verdampfend in dem überhitzten Raum.


„Alles setzen! Die Vorderen halten sich an den Seilen!“


Wieder glitten lichtüberstrahlte Wellen, tausendfach brechend und zurückschnellend. Aufgleitend, stechend, prickelnd überschlugen Wasserzacken hell glänzende Perlen, taumelten rauschend aufgeworfen im runden Fallschwung zurück, über Menschen, die erschreckt, sich neigend und neigend schrien, und das Glunkern, Schlucken, Verschlucken und Rauschen durchsichtig erkältender Flut übertosteten. Wehrhaft schrillen Schreie, zitternd, aufgewühlt bebte das Wasser, das sich eng an den Körper schmiegte, daß jedes Glied, den Fremdkörper verdrängend, sich seines Daseins unabhängig vom anderen bewußt wurde.

Mein Leib, der den Wärmewellen, lichtherabwerfender Lampen durch Warten lange ausgesetzt war, wand sich hilflos im zu kalten Wasser, der Herzschlag setzte sekundenlang aus, um gleich darauf ein verrücktes, rasendes Tempo anzuschlagen. Ich spürte die klappenden Herzklammern flügelschlagend wie erschrockene Vögel, die aufflatternd, sich ängstigend über die Gesetze der Schwerkraft schwingen. Das Wasser stach und brannte den Hals, Schultern, Brust, Rücken und Arme, den Schweiß leckend, in sich fressend, nahm ihm auf und durchsetzte sich so mit den beißenden Essenzen der plötzlich abgekühlten Körper.


Schräg vor mir saß einer, mit Eiterpickeln übersät seine Haut, deren rote Entzündungshöfe sich dunkler vertieften; eine Frau klagte wimmernd über Schmerzen im Unterleib, sie war an diesen Tagen nicht gesund, wollte aber nicht aus dem Wasser steigen, weil sie dann um zwei Mark weniger bekommen hätte. Salanda ging vorüber, sah unter sich den Mann und die sich windende Frau und sagte nichts, obwohl wir ihn anschauten, damit er die beiden an das weißgebaute Ufer schicke. Da saßen und hockten sie, rund um das Bassin doppeltreihig, ließen die Beine baumeln und zogen, wenn die Fußspitzen den Wasserspiegel berührten, sie erschreckt wieder zurück.


Eine Frau hinter mir wurde ohnmächtig, die Kranke nebenan legte sich, nach langem Wehren ihres zuckenden Leibes, sanft und haltlos auf die Seite; sie wurden weggetragen und Ersatz an ihre Plätze geschickt.


Nach einer kurzen Pause, während der das verdunstende Wasser auf der Haut sofort zu dampfen anfing und der Schweiß, aus den Poren dringend, schmale Rinnsale rieselte, wurden wir wieder ins Wasser gejagt, getrieben wie Tiere. Ein Herde Vieh stampften wir blökend und kreischend hinein, schlugen mit Händen und Armen um uns, spreizten die Gliedmaßen gekrümmt an die Seiten, zusammengekauert, als könnten wir so das Eindringen der Kälte in das Innere verhindern. Die aufgeregten Wellen spritzten gepeitscht, hochgedrückt von der Überfülle, in unsere Gesichter, die sich herabsenkten vor der blendenden Helligkeit der Scheinwerfer zu schützen suchten.


Man brüllte, schrie nach Ruhe, flegelte mit Worten durch die heißdunstende Luft, die feuchtigkeitsgeschwängert schwer auf dem Wasser lag. Wir sollten schweigen. Aber es war kalt.
Gegen Mittag fiel wieder eine Frau um und der Bursche mit den nun aufblühenden Eiterpusteln trug sie hinaus.


Ich bemühte mich, eingeschüchtert wie viele von Schimpfen und Höhnen der Aufnahmeleitung, Disziplin zu bewahren, preßte die Kehle zusammen, die Zunge an den Gaumen, die schnatternden Zähne übereinanderbeißend, daß ich sie kaum trennen konnte. Die Nägel gruben in die Schenkel, die Zehen stemmten gegen den glitschigen Boden, verkrampft und auseinandergezerrt, der Magen zog sich ein, und das Stehen und Sitzen hatte kein Ende, eineinhalb Stunde noch. Eine Aufnahme nach der anderen wurde gemacht, bis das Stöhnen der Frierenden nicht mehr zu halten, aus bedrängter Brust durch die eng gepreßten Kehlen fauchte. Es schwoll an und wurde zum Geheul. Wenige verständliche Worte brachen durch das Gewirr schwirrender Stimmen, die überschrieen.


„Mittagspause! Bitte, Mittagspause!“


Als wir endlich das Atelier verlassen durften, war unsere Haut runzlig, tief aufgelockert, lange Faltenspuren zogen über Schenkel und Schienbeine. Sie sahen alle verfallen und grau aus, wie unbewohnte Häuser.


[....]


Im Atelier war es heißer als am Vormittag und in das Becken frisches Wasser nachgelassen, das nicht vorgewärmt worden ist. Wir standen erst lange in der Dekoration, und als der Schweiß strömelnd über den Rücken lief, jagten sie uns in das Bassin. Wir schrien.


Dann sang Kiepura. Er stand auf dem hohen Sprungbrett, seine Stimme schmolz über unsere, sich lautlos quälenden Leiber. Minutenlang vergaßen wir alles, das Licht brannte uns toll und voll, wir klatschten die Hände rot und brennend, lachten und tobten, peitschten begeistert das Wasser, schrien hurra und hurra, brüllten, schluchzten über diese herrliche Stimme, eine Frau wurde vorübergetragen, ihr Gesicht weiß wie ein Laken, das zu lange im Wasser gelegen und uns Schlamm angesetzt hat. Kiepura sang. Wir horchten still und angespannt, jeden Ton einsaugend mit den ausgehungerten Ohren. Mit vorgestreckten Köpfen lauschten wir auf das kitschige Liebeslied, das im Raum schmetternd schwang, ein leiser Klatsch, eine wurde weggeschleppt. Wieder rasten wir, weinten vor Glückseligkeit. Oh! leicht entzündbare Ware sind unsere Herzen.


Die Ohren sehnten sich seiner Stimme entgegen, die Hände flatterten, schlugen klatschend Fläche gegen Fläche, anschwellend Hand gegen Hand, Hand gegen Wasser, das spritzte und aufsprüht unter den breitausschwingenden Lichtkegeln der Scheinwerfer.


Dann sang er nicht mehr. Eine Frau sollte vor dem Mikrophon sprechen und stotterte, versprach sich, blieb stecken. Zwölfmal wurde diese Aufnahme geprobt und beim dreizehntenmal bog sich ein Mädchen nach vorn, schrie auf wie eine geschlagene Hündin und fiel.


Gleich darauf wurde eine kleine Tänzerin ohnmächtig und verletzte sich an dem hinteren Stuhl das Rückgrat. Sie lag still und ohne Laut auf der Bahre, fast ohne Atem. Wir glaubten alle, sie sei tot.


Das Fallen, dieses immer wieder Fallen und Hinaustragen, das angestrengte Sichbeherrschen der Menge, das Erschlaffen, diese unerträgliche Spannung verrichtet Wut, Ohnmacht und Erbitterung gegen den Regisseur, der uns geschunden, gegen die Aufnahmeleiter, die uns umrasen, gegen den erschreckenden Tag, der an uns zog und zerrte, unsere Nerven reizte, beklemmte ängstigend, ich saß unbeweglich auf den Stuhl im Wasser, in dem sich die verbrauchten Körper windend und zuckend, verzerrt widerspiegelten.  Dieses grüne Wasser war schon schleimig geworden, hinter mir sickerte es heimtückisch und ohne aufzuhören nach, und der ungeduldige Regiestab tobte aufgelöst, rund um das Bassin schreiend:


„Was wollt ihr denn? … Ds ist ja so heiß … Man kann es kaum aushalten … Seid ihr denn kleine Kinder? … So nehmt euch doch zusammen …“


Und wir wünschten diesen Menschen nichts anderes, als auch einmal acht Stunden im Wasser sitzen zu müssen. In einem Wasser, das um zwanzig Grad kälter als die Luft ist. Um halb sechs Uhr ließen sie uns heraus. Es wurde Tee gereicht. Wir zitterten zähneklappernd. Klappernd stieß und puffte einer den anderen, nichts denkend, als an den eigenen geschundenen Körper. Jemand weinte, auf einer Stufe zusammengekauert hockend, das hilflose Schluchzen drang durch alle Geräusche. Einer zog die Badeschuhe aus; seine Zehen waren weiß, tot und starr. Eine wand sich hinter der Treppe. Wir liefen über den langen Korridor neben dem Atelier, ziellos, nur um zu laufen, und dann wieder zurück

.
Diesmal gingen wir nicht ins Wasser. Keiner ging hinein. Keiner machte einen Sprung. Keiner berührte auch nur mit den Fußspitzen die Stufen im Bassin. Das Licht knallte aufrührerisch unaufhörlich herab auf den welligen Spiegel, der es zurückschleuderte. Die Strahlen trafen sich, wie durch eine Linse gesammelt, mit denen von oben, auf der wartenden Menschenmenge. Wir stauten uns vor dem großen Becken, stauten uns vor dem Aufnahmeleiter wie eine Schafherde, die sich vor dem aufziehenden Gewitter ängstigt zusammen drängt, schweigend, verbohrt, böse mit vorgebeugten Köpfen, Stiere und Kühe standn wir, aufgewühlte Tiere, wehrten uns stumm, nicht wollend und verzweifelt.


Salanda hielt eine Rede:
„Jetzt ins Wasser! Sonst schicke ich euch nach Hause. Wir haben viele Tage Arbeit für euch“, lockte er, wie man Hunde lockt mit einem Stück vergifteten Fleisches, Hunde, die vor dem Hause angekettet sind und gefährlichen Lärm schlagen.


Einer schrie dazwischen:

„Wir verzichten!“


Hurra­brüllen, Kreischen, hysterisches Lachen und Blöken. Gebell aus hundert Kehlen, die erkältet, heisere Schreilaute ausstießen.


„Sofort ins Wasser! Wird’s bald? Es hat vierundzwanzig Grad.“


„Das ist nicht wahr!“


„Was wollt ihr denn eigentlich? Hinein!“


Wir standen und starrten über die grüne Fläche, auf das glänzende, vollgelaufene Maul, das darauf wartete, uns zu verschlucken. Wir wollten uns nicht mehr verschlucken, nicht fressen lassen von diesem Rachen, der schon unrein war, voll Keime und Bazillen, unrein von uns selbst, die stundenlang darin gelegen und gesessen, hilflos allen Bedrängnissen preisgegeben.


Einer sprach für uns alle. Es war schwer, ihn zu verstehen. Denn je länger er sprach, desto unruhiger wurden wir.


„… Gehen Sie denn nicht ein, daß wir uns Krankheiten holen in dem verdreckten Wasser? Sehen Sie doch, wie es aussieht! Wir waren schon zu lange im Wasser. Wir können nicht mehr. Die Aufnahmen gehen ja morgen weiter. Machen Sie für heute Schluß.“


Salanda sprach:
„Es ist dreiviertel sechs. Ihr habt noch eineinhalb Stunde Arbeit. Das ist alles. Dann machen wir Feierabend.


„Wir können nicht mehr, Salanda. Nutzt uns doch nicht so aus. Sollen noch mehr Frauen weggetragen werden? Denken Sie an die Frauen. Sie, Salanda, haben die Verantwortung. Alle sind gefährdet durch das lange Stehen im Wasser. Das kann kein Mensch aushalten.“


Wir standen still grollend um den Sprecher geschart, müde und unentschlossen, denn die Angst vor dem Verdienstausgang keimte in uns.


„Ihr habt gewußt, daß Wasseraufnahmen sind. Rein, oder ohne Gage nach Hause!“


Entrüstung, Entsetzen und Wut brachen ungebremst aus, schnelten zügellos hoch, vermischt von dem Brüllen und Schreien der Getretenen in dem ineinanderdrängenden Haufen. Salanda nahm das Megaphon, aber der Lärm übertönte das Röhren, das aus dem Sprachrohr stürmte. Einer rief scharf und gellend:


„Zulage!“
„Zulage! Zulage!“


Der wildgewordene Chor trampelte stumpf klatschend mit nassen Füßen auf den nassen Boden, und die Adern auf Salandas Stirn quollen an, dick und tot wie Raupen über den blutunterlaufenen Augen. Vielleicht, dachte ich, hämisch verwirrt, vielleicht sind das die Raupen aus seinem Hirn.


„Alles anziehen! Sofort das Atelier verlassen. Alles. Ohne Ausnahme!“

Wer konnte das? Wer von uns hatte noch Fahrgeld? Viele nicht. Sollten sie, ausgelaugt, kraftlos und müde zu Fuß nach Berlin?


Drei stiegen in das Becken, furchtsam, schweigend die Kameraden von unten herauf anschielend. Sie fühlten, daß sie keine Helden waren und schämten sich. Sie warfen Blicke voll glühenden Hasses auf den Regisseur und den Aufnahmeleiter, und das war ihre einzige Waffe. Wir sahen, daß ihre Haut im kalten Wasser rot anlief.


Dann ging der Mann mit den aufgebrochenen Pickeln hinein, stumm und tiefhaft stapfend. Zwei folgten nach. Dann waren wir doch alle wieder im Wasser, auf dessen Oberfläche Schmutz schwamm. In diesem Tümpel.


Sie quälten uns müde, bis Stumpfsinn die absterbenden Gefühle völlig einschläferte. Vor jedem Gedanken stierten wir vor uns hin. Zwei Mädchen klatschten kurz nacheinander ins Wasser. Kiepura sang. Wir waren nicht mehr fähig, etwas in uns aufzunehmen. Wir sollten begeistert sein. Aber das Schmettern einer Stimme hatte unser Ohr kaum berührt. Unsere Sinne nicht aufgehellt. Die Hände schlugen kraftlos und lasch. Gehorsam Fläche gegen Fläche. Auf den endlosen Tümpel, der sich vor entzündeten Augen breitete. Der schmutzig und ekelhaft war. Und kein Mitleid hatte. Wir hörten kaum die Befehle. Taten mechanisch, was man verlangte.


Ein flüchtiger Gedanke wehte — hier steht ein Leib, ein einziger zertretener Leib. — Dann war auch dieser verflogen. Stier und stumpf in der gähnenden Leere unendlicher gelangweilter Überanstrengung standen wir. Auch das ging zu Ende.


Schwankend liefen wir hinaus, taumelnd auf den Gang, stießen und pufften, ohne zu drängen, nur weil wir müde waren und unsere Muskeln ohne Kraft. Einer schaute den anderen an, stumpf und blicklos. Keuchend eilten wir zu den Garderoben, ein vom Sturm zerfetzter, verwehender Schattenzug. Ich torkelte.


Es war dunkel im Korridor. Eine schlechte Beleuchtung war. Ich sah eben noch, daß der lange Kokosläufer unbefestigt, seitlich aufrollte. Wollte den rechten Fuß höher heben, um nicht zu straucheln. Da schleuderte mich etwas.


Ich bin in einer Schlinge hängen geblieben, die gelegt war. Hörte den Knall. Einen harten, scharfen Schuß. Spürte das Weiterleiten in das Rückgrat. Etwas Nasses, Warmes rieselte über die Schläfe.


Und dachte, jemand ist gefallen. Helfen. Ein Sekundenanteil dachte ich. Und die Sterne, von denen ich geglaubt hatte, sie seien gestorben, sprühten in meinem Kopf lebendig auf, bunt glühend auseinander springend.


Die Welt ging unter mir und stürzte sich über mich. Und ich wußte, daß es schön ist, zu leben.