Mein Elternhaus

Jetzt gehe ich zu dem Teil der Chronik über, der mich eigentlich veranlaßt hat,, diese Aufzeichnungen überhaupt niederzuschreiben, — zur Beschreibung meines Elternhauses. Ich tue dies mit einer gewissen inneren Befriedigung und gern, weil auf diese Weise die schönste Zeit meines Lebens, die ungetrübten Jahre meiner Kindheit, einmal wieder an meinem Gedächtnis vorüberziehen und weil ich somit mich wieder im engsten Zusammenhang mit den zwei Menschen befinde, die ich unsäglich innig liebte und verehrte, meinen Eltern. Und gerade heute, am 25. Mai 1921, an ihrem 65. Hochzeitstage, schreibe ich dieses Kapitel nieder, einem Tage, der die schönsten Erinnerungen in meinem Gedächtnis wieder wachruft.


Mein Vater war, 25 Jahre alt, von Wien, wo er in der Staatsdruckerei in leitender Stellung und zwar in der Sanskritabteilung beschäftigt war, zurückgekehrt, um seinem Bruder Carl, dessen kleine Buchdruckerei sich nicht gut entwickeln wollte, behilflich zu sein. Er verkehrte in dem Hause Rosenstein, da die Rosensteinschen und Gotthelftschen Töchter befreundet waren, und verliebte sich in meine Mutter. Mein Großvater Rosenstein war anfangs gar nicht mit dieser Partie einverstanden, denn mein Vater besaß kein Vermögen, während mein Großvater Rosenstein hier als sehr reicher Mann galt, von dem man außerdem wußte, daß er seiner Tochter 1500 Taler mitgeben würde, eine Summe, die für damalige Begriffe als sehr groß galt. Meine Großmutter hatte schon mehr Zutrauen zu der Verbindung, denn mein Vater wußte sich rechtzeitig die Gunst der Schwiegermutter zu sichern, und so kam die Verlobung zustande. Marthchen hatte natürlich auch ein Wort mitzureden, aber sie riet meinem Vater entschieden ab, denn sie behauptete, „er wäre viel zu gut für die Fanny“. Sie scheint sich aber mit ihrer Prognose ganz gehörig blamiert zu haben, denn die Ehe meiner Eltern war, wie selten eine, glücklich und harmonisch, und ich glaube behaupten zu dürfen, daß fast kein Mißton das 45jährige Zusammenleben dieser beiden lieben Menschen gestört hat. Einfachheit, Bescheidenheit, Ineinanderleben und gegenseitige Achtung, Liebe, Glück und Frieden waren die Signatur dieser Ehe von Anfang bis zu Ende.


Und wenn der philosophische Ausspruch Anwendung finden kann, daß niemand vor seinem Tode glücklich zu preisen ist, so kann man jetzt, nach Abschluß des Lebens meiner Eltern, mit Fug und Recht sagen, sie waren wirklich glücklich. Die Hochzeit fand im Hotel Sichel statt, das sich in der unteren Königsstraße Nr. 58, dem jetzigen L. J. Rosenzweigschen Hause befand. Die Rechnung der Hochzeitsfeier, die etwas billigere Preise aufweist, als man heute gewöhnt ist, füge ich diesem Büchlein bei. Das Ulkigste dabei ist, daß die Hochzeitsgäste damals anstatt Sekt Zuckerwasser tranken, und zwar für 1 Taler und 17½ Silbergroschen, nach heutiger Währung 4 Mark 75 Pf. Die Hochzeitsreise wurde nach Hamburg, Berlin und Dresden gemacht. Die Eisenbahn war aber damals erst in Hann. Münden zu erreichen, und aus diesem Grunde ging vom Hotel Hessischer Hof, an der Ecke Martinsplatz und Hohentorstraße, ein Omnibus von Cassel nach Münden, den das junge Pärchen auch benutzen mußte.


An der Mittelgasse Nr. 33, im Hause des Lederhändlers Schoppach, bauten sich die Eltern ihr Nestchen. Dies Diminutivum habe ich absichtlich gewählt, denn die Wohnung war sehr klein und bescheiden, sie bestand aus zwei Zimmern, zwei Kabinetts und Küche; die Miete betrug jährlich 60 Taler. Nach der Straße zu befand sich die sogenannte „gute Stube“, ein recht hübsches, aber niedriges Zimmer, für die damalige Zeit sehr schön ausgestattet. Es enthielt Mahagonimöbel aus dem Mansbachschen Geschäft in der oberen Karlstraße, Ecke Fünffensterstraße, das zur Zeit das erste Geschäft dieser Art in Cassel war. In der Mitte des Zimmers hing eine Hängelampe, die mein Vater mit künstlichen Blumen geschmückt hatte. Wir Kinder waren von diesem Zimmer restlos begeistert, es war aber auch, ganz objektiv betrachtet, ein urgemütlicher Wohnraum. Daneben befand sich ein einfenstriges, schmales Kabinett, das als Schrank- und Fremdenzimmer diente; später schlief ich hier als Knabe und erledigte dort meine Schulaufgaben. In dem Zimmer nach hinten, in dem außerdem noch das Bett des Vaters stand, spielte sich unser gesamtes Familienleben ab. Dort wurde gegessen, Schneiderinnen und Flickerinnen arbeiteten hier, dazwischen wir drei Kinder, die nicht gerade zu den artigsten und verträglichsten zu rechnen waren, es wurden hier die Schulfreunde und Schulfreundinnen empfangen, kurz, hier war von frühmorgens bis spät abends tollster Betrieb.  Neben diesem Dorado befand sich ein ganz kleiner Raum mit zwei, später drei Betten für Mutter, Clärchen und Paula. Nachdem wir Kinder heranwuchsen, mußte die Wohnung unbedingt vergrößert werden, der Hauswirt überließ uns dann in der vierten Etage noch ein Zimmer mit Kammer, und so behalfen sich die Eltern siebzehn Jahre, da sie sich ungern von den uns allen lieb gewordenen Räumen trennen wollten.


Das Leben damals war sehr einfach und bescheiden, wenigstens bei uns; es durfte natürlich auch nur das zum Leben unbedingt Notwendige angeschafft und verbraucht werden. An Wochentagen gab es mittags selten Fleisch, und wenn dies der Fall war, kam auf den einzelnen nur eine homöopathische Dosis; höchstens bekam Vater ein deutsches Beefsteak oder ähnliches, da er bei seiner sehr angestrengten Arbeit gute Kost haben mußte. Abends wurde dann meistens das Suppenfleisch, das von der Mittagssuppe herrührte, angebraten verspeist. Dazu holte eines der Kinder einen Schoppen Bier aus der nächsten Brauerei in einem Tonkrug, an dessen Deckel, zu unserer Freude, sich ein Radieschen als Knopf befand.


Diesen Schoppen bekam Vater aber auch nicht allein, die Mutter mußte mittrinken, und für uns Kinder fiel auch noch ein Schluck ab. Sonntags ging es, für unsere Begriffe, hoch her, denn da gab es einen richtiggehenden Braten, und wenn Vater gutgelaunt war oder eine erfolgreiche Geschäftswoche hinter sich hatte, holte ich beim alten Kugelmann, dem Onkel von Hermann Kugelmann, dem sogen. Bonbononkel, eine Flasche Schaumwein für sage und schreibe 1 Mark und 50 Pf. nach heutigem Geld. Um so frugaler war aber an den Sonntagen der Abendtisch. Mutter sagte, wenn man mittags so gut gegessen hat, muß man sich abends mit einem Mus- oder Fettenbrot begnügen.


Wenn man die damalige Lebensweise mit der späteren oder sogar mit der heutigen vergleicht, dann kann man erst ermessen, wie sparsam die Hausfrau zu jener Zeit gewaltet hat. Wir Kinder bekamen zum Beispiel niemals Milch als Mahlzeit, höchstens im Hochsommer einen Teller saure Milch. Morgens tranken wir den Kaffee, den die Mädchen bekamen, das war der zweite Aufguß des Kaffees für die Eltern, dazu einen oder zwei trockene Wecke, an Sonn- und Feiertagen etwas Butter, aber nicht zu dick aufgestrichen.


Ebenso verhielt es sich mit dem Baden. Diese Wohltat wurde uns im Winter nur von Zeit zu Zeit zuteil; Badewannen im Haushalt kannte man nicht, dafür wurden wir Kinder in ein Waschfaß gesteckt und gehörig gereinigt. Mit Wasser ging man überhaupt recht sparsam um, denn in den Häusern befand sich keine Wasserleitung, diese wurde erst am Ende der 70er Jahre hier in Cassel angelegt. Das Wasser mußte von den Brunnen und den sogen. „Zaitenstöcken" in Eimern geholt werden. Zu Kochzwecken wurde letzteres, das erstere zum Trinken verwandt. Abends, wenn die Hausarbeit ganz erledigt war, mußten die Mädchen das Wasser heranholen. Das war für diese die Erholung von des Tages Last und Mühe, dort trafen sie ihren Schatz, und daher geschah es auch, daß das Mädchen mitunter erst nach langer Zeit das Wasser heranbrachte. In jeder Küche befand sich ein großer Holztrog, „Bornkanne“ genannt, dieser diente zum Aufbewahren dieses Zaitenwassers.


Nachdem in späteren Jahren die Wasserleitung in allen Straßen angelegt war, konnte man auch die Aborte mit der nötigen Wasserspülung versehen, während bis dahin in dieser Hinsicht ganz idyllische Zustände herrschten. Besonders war dies in unserem Hause der Fall. In jedem Abtritt befand sich eine weite Tonröhre, die in einen Winkel mündete, der zwischen den Häusern lag. Sobald der Winkel voll war, kamen die städtischen Winkelreiniger und holten den dort angesammelten Dreck, luden ihn auf einen Tankwagen und schafften die Ladung auf das Land. Wenn ein Gewitterregen sich entlud, kam es sehr oft vor, daß die Winkel überliefen und sich ihr Inhalt auf die Straße ergoß. Die Tonröhren in dem Schoppachschen Hause waren leider sehr schlecht angelegt, und im starken Winter froren sie öfters zu. Um diesem Übelstande vorzubeugen, wurde der Abtrittdeckel vernagelt und der Gebrauch dieses notwendigen Örtchens war einfach verboten. Wir waren in diesem Falle gezwungen, bei Nachbarn oder Verwandten und Freunden „Gastvorstellungen“ zu geben.


Um sich hier in gewissem Sinne eine Erleichterung zu verschaffen, kauften die Eltern einen verhältnismäßig eleganten Nachtstuhl mit gepolsterten Ledersitzen in der Auktion bei einem verstorbenen Rentier Herz. Dieses Stück Möbel stand in unserem Wohnzimmer und spielte bei uns die Rolle eines Klubsessels von heutzutage. Mittags z. B. holte mich mein intimster Jugendfreund und nachmaliger Schwager Georg Rosenzweig zur Schule ab; er kam gewöhnlich, wenn wir noch beim Essen saßen. Mein Vater sagte dann regelmäßig: „Schorsche, setz’ Dich auf den Herz“. Er wußte dann schon, was gemeint war. —


Die Beleuchtung der Stadt, der Läden und Wohnungen lag zu damaliger Zeit auch noch sehr im argen. Auf den Straßen brannten Öllaternen, die mitten über dem Fahrdamm an einem Drahtseil hingen und morgens zum Füllen und Reinigen herabgelassen wurden. In der Küche wurde eine Sparlampe gebrannt, die man heutzutage als Reliquie für teures Geld kaufen kann, über dem Herd brannte dann höchstens noch eine kleine Öllampe, die ein spärliches Licht verbreitete. In der Stube hatten wir eine sogenannte Moderateurlampe, deren Betriebsstoff Solaröl war.